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Alt 31.07.2005, 08:27
talis
 
Beiträge: n/a
"Politische Morde – Vom Altertum bis zur Gegenwart" und "Idole und ihre Mörder"

Michael Sommer sammelt Beispiele, Connie Palmen beschreibt Auswüchse der Gesellschaft

Zitat:
Mit einem Dolchstoß oder ein paar Schüssen der Geschichte eine andere Wendung geben ? diese Vorstellung mag politische Attentäter bei der Planung ihrer Tat beflügeln, realistisch ist sie nicht.

Einmal davon abgesehen, dass der Tyrannenmörder aus lauteren Motiven in der Geschichte eher die Ausnahme ist: Meistens geht es um skrupellose Machtinteressen, religiöse oder rassistische Verblendung, nicht selten sind die Attentäter Marionetten anderer Mächte oder einfach nur hinter dem ausgelobten Blutgeld her.

Selbst ein ehrenwerter Mann wie Brutus musste erleben, dass ihm und seinen Mitverschwörern die Kontrolle aus der Hand glitt, sobald der tote Cäsar vor ihnen lag; die Republik war nicht mehr zu retten.

Der politische Mord entfaltet seine eigene Dynamik, er setzt Handlungsketten in Gang, die von den Tätern (oder ihren Auftraggebern) kaum noch zu kontrollieren sind. Ein serbischer Nationalist erschießt in Sarajewo den österreichischen Thronfolger und gibt damit, ohne das zu wollen, den Startschuss zum Ersten Weltkrieg.

Der Mord an Martin Luther King hat, ganz anders als von seinen Urhebern beabsichtigt, eine Solidarisierung und Stärkung der Bürgerrechtsbewegung zur Folge.

Erfolgreich im Sinne ihrer Urheber waren die wenigsten politischen Morde in der Geschichte. Das ist eine Lektion der von dem Historiker Michael Sommer herausgegebenen Fallsammlung zum politischen Mord.

Darin geht es nicht um die moralische Legitimität des Attentats, hier wird an etwa dreißig Beispielen von der frühen Antike bis zum Anschlag auf den serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic im März 2003 die historische Dynamik des Attentats untersucht, das komplexe Verhältnis von politischer Absicht und symbolischer Wirkung, von gesellschaftlichen Bedingungen und den tatsächlichen Folgen ? und der fatalen Rolle des Zufalls: Wie wäre wohl die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts verlaufen, wäre Hitler nicht auf so unglückliche Weise den auf ihn verübten Attentaten entkommen?

Ob Mord im Dom (Thomas Becket) oder Exekution in der Badewanne (Marat), ob Palastrevolte oder Anschlag auf der Straße, politischer Mord ist immer auch ein symbolischer Akt. Das Opfer wird stellvertretend als Repräsentant eines Systems getötet, auch wenn politische Systeme zumindest in der Gegenwart eher selten dadurch zu treffen sind, dass man ihre Repräsentanten aus dem Weg räumt.

Das Morden hört trotzdem nicht auf. ?Fanal-Mörder? nennt Herausgeber Sommer jene in der Gegenwart vermehrt auf den Plan tretende Täter, die keinen herausragenden, in ihrem Augen verderblichen Politiker ausschalten wollen. Sie greifen sich vielmehr einigermaßen wahllos ein Opfer heraus, das zur Zielscheibe ihres tiefen Unbehagens an der politischen Kultur wird.

Typisch für diesen Typ des Attentäters ist der fanatische Tierschützer, der in den Niederlanden den Rechtspopulisten Pim Fortuyn buchstäblich zur Strecke brachte. Aus Entsetzen über diesen Mord hat die niederländische Schriftstellerin Connie Palmen einen klugen Essay über die Mörder öffentlicher Figuren geschrieben ? eine treffliche Ergänzung und Fortschreibung des historischen Sammelbandes.

Palmen erinnert zunächst einmal an ganz unpolitische Fälle: John Lennon, der vor seinem Wohnhaus von einem Fan erschossen wurde; Andy Warhol, auf den eine zurückgewiesene Mitarbeiterin anlegte. Auch Politiker können ins Visier solcher Täter geraten: Ronald Reagan etwa, den John Hinckley 1981 ermorden wollte. Nicht, weil er Reagans Politik für verhängnisvoll hielt ? der Mann ging einfach zu viel ins Kino und wollte mit seiner vom dem Film ?Taxi Driver? inspirierten Tat der Schauspielerin Jodie Foster imponieren.

Alle diese Morde stehen für Palmen in Zusammenhang mit der alle Lebensbereiche imprägnierenden Medienkultur. Die Opfer wurden durch ihre Prominenz zur Projektionsfläche für mörderische Phantasmen. Unser Leben ist durchdrungen von Fiktionen und Simulationen, die Grenzen zwischen echt und unecht verwischen sich immer mehr.

Die meisten Menschen können mit diesen Irritationen umgehen. Der Fanatiker aber kann die Differenz zwischen symbolischer Funktion und realer Person nicht mehr erkennen, er kann die Asymmetrie in der Beziehung zwischen Star und Fan, Politiker und Bürger nicht aushalten: Alle kannten John Lennon, aber niemand kannte, zu dessen Verdruss, Mark David Chapman - bis er zu Lennons Mörder wurde und sein Idol sozusagen für die 'Unechtheit' seiner Medienexistenz bestrafte.

Dabei hat der moderne Attentäter nicht einmal das Gefühl, einen realen Menschen zu töten. Er glaubt, auf etwas Unechtes zu schießen oder einzustechen - "etwas, das nicht bluten kann", so lautet, wörtlich übersetzt, der niederländisch-konkrete Originaltitel dieses Essays.

Und der Täter empfindet, anders als der klassische Tyrannenmörder, auch keine Verantwortung. Am Mörder Pim Fortuyns weist Connie Palmen eindrucksvoll nach, wie einer sich vor der Verantwortung für seine begrenzte und wenig aufregende Durchschnittsexistenz in die Allmachtsfantasien des Attentäters flüchtet.

Conny Palmens Befund über die pathologischen Auswüchse der Erlebniskultur ist irritierend: Was wird passieren, wenn immer mehr Menschen, vom dem medialen Tratsch über Prominente überschüttet, die eigene Bedeutungslosigkeit nicht mehr ertragen können?

Womöglich wird es in naher Zukunft immer mehr Verstörte geben: so genannte Stalker, die, schlimmstenfalls mit dem Dolch im Gewande, das Objekt ihrer Begierde bis in die Privatsphäre verfolgen. Schöne Aussichten - nicht nur für Prominente.
www.echo-online.de
Holger Schlodder/29.07.05

Michael Sommer (Herausgeber):
"Politische Morde - Vom Altertum bis zur Gegenwart"
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
288 Seiten.
29,90 Euro.

Connie Palmen:
"Idole und ihre Mörder"
Essay.
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers.
Diogenes-Verlag, Zürich.
104 Seiten.
16,90 Euro.
 


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